Sport: Doping, Sportärzte | Hans Eiberle|26. Januar 2012
Bayerische Sportärzte diskutieren mit dem Ex-Dealer Matschiner über Doping
Eine Leber, gespickt mit Tumoren, ein aufs Doppelte vergrößertes Herz, ein schlaffer Hodensack, über den Prof. Dr. Thomas Gilg vom Institut für Rechtsmedizin der LMU sagt: „Da ist nicht mehr viel drin.“ Wirken diese Horrorbilder von Organen zu Tode gedopter Sportler abschreckend? Keineswegs, sagt Dr. Helmut Pabst, der Präsident des Bayerischen Sportärzteverbands, der die Fortbildungsveranstaltung („Dopingszenen im Breiten- und Spitzensport“) im Münchner Haus der Sports wissenschaftlich begleitete. Eine Umfrage bei Athleten habe ergeben, dass rund 60 Prozent dopen würden, wenn sie sicher wären, nicht erwischt zu werden. Pabst: „Der Preis kann nicht hoch genug sein, und sei es das eigene Leben.“
Wie viele Sportler sich zu Tode dopen, lässt sich nur schwer schätzen. „Es gibt eine ganz kräftige Dunkelziffer, weil eine ganze Reihe gar nicht bei uns landet, sondern vorselektiert wird durch Arzt, Kripo und Staatsanwalt“, sagt Thomas Gilg. Obduziert wird nur bei sechs Prozent der Todesfälle.
Helmut Pabst ist der Mann vom Fach. Die von ihm gegründete Firma PWC nimmt im Leistungs- und Hochleistungssport weltweit jährlich über 16.000 Trainings- und Wettkampfkontrollen vor. Der Erfolg im Antidopingkampf erscheint gering, wenn man die verdächtigen Befunde in Prozentzahlen betrachtet. Auffällig im Weltsport 2010: 1,87 Prozent. Das waren aber immerhin 4.817 Athletinnen und Athleten. Weitere Zahlen: Radsport 1,19 Prozent, Leichtathletik 0,78 und American Football 0,68. Etwa 60 Prozent der Fälle betraf Doping mit Anabolika. Der Welt-Radsportverband UCI registrierte allein 2011 85 Fälle, von denen 50 noch nicht entschieden sind. Der Fußball-Weltverband FIFA sperrte seit 2004 jährlich zwischen 68 und 102 Spieler, fast zwei Drittel wegen des Konsums von Cannabis und Kokain.
Das Internet ist voll mit Angeboten von Anabolika-Mastkuren, von 450 Euro abwärts, gerne erworben auch von Hobbysportlern. Bei denen ist der Missbrauch von Schmerzmitteln weit verbreitet, etwa bei Marathonläufen. Dr. Carl Müller-Platz von Bundesinstitut für Sportwissenschaften in Bonn: „Medikamentenmissbrauch im Breitensport darf nicht unterschätzt werden.“ Wer sich Online mit Testosteron, Nandrolon oder dem DDR-Klassiker Oral-Turinabol eindeckt, erhält, so Pabst, häufig Produkte zweifelhafter Herkunft. Gefragt sei deutsche Apothekenware, die Beschaffung „aus sicheren Apotheken“ kein Problem, berichtete Gastredner Stefan Matschiner: „Überall gibt es jemanden, der jemanden kennt“. Matschiner, 36, Betriebswirt mit Studium in Wien und Memphis, ist ein ehemaliger Leichtathlet (Mittelstrecke). Der überführter Dopingdealer aus Laakirchen in Oberösterreich, Autor des Buchs „Grenzwertig“, versorgte Spitzensportler in ganz Europa mit allem, was verboten ist, vor allem mit Blutplasma aus eigener Zentrifuge. Er dopte seinen Landsmann Bernhard Kohl zum Sieger in der Bergwertung der Tour de France 2008, in der Gesamtwertung belegte der den dritten Platz.
Dass nicht nur für die gedopten Sportler sondern auch die Dealer viel Geld auf dem Spiel steht, machte Helmut Pabst am Beispiel des 2006 verhafteten spanischen Arztes Fuentes deutlich. Der hatte, vor allem im Radsport, rund 300 Klienten. Pabst: „Bei einer geschätzten Einnahme von 3.000 bis 5.000 Euro sind das 20 Millionen jährlich an der Steuer vorbei.“
Die versammelte Ärzteschaft staunte über die von Matschiner an die Wand projizierten Trainingspläne mit detaillierter Auflistung von Dopingpräparaten und deren Dosierungen, vor allem über die häufige Entnahme Blut und die Zuführung von Plasma. Der Autodidakt Matschiner erklärte, Dosierung und den richtige Zeitpunkt der Verabreichung sei durch Tests ermittelt worden. Carl Müller-Platz, fast ein bisschen neidisch: „Der Athlet, der es nimmt, weiß über die Wirkung mehr als ich. Der kann viel mehr ausprobieren, weil er das Problem mit der Ethikkommission nicht hat.“
Matschiner wurde im Oktober 2010 wegen versuchten Blutdopings und der Weitergabe von verbotenen Substanzen zu einer Haftstrafe von 15 Monaten verurteilt, davon 14 Monate mit dreijähriger Bewährung. Ein Monat war durch die Untersuchungshaft verbüßt.




