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Kultur: , | |20. Februar 2012

Die Klügere gibt nach: Angela Merkel gab den Widerstand gegen Joachim Gauck auf

Wir verfolgten ebenso gespannt – wie vermutlich Sie auch – die Entwicklung nach Wulffs Rücktritt. Viele Kommentare gab es, aber einer ist so treffend, daß wir ihn im Wortlaut übernehmen aus Handelsblatt MorningBriefing und Gabor Steingart möge uns den “Urheberrechtsverstoß” nachsehen – seine Gedanken sind überaus treffsicher und vorausschauend kaum zu überbieten.
Egon Stengl, Chefredakteur infocomma.net

Steingart schreibt:

Der 72-jährige Kirchenmann und Bürgerrechtler wird nun der elfte Präsident der Bundesrepublik. Nach den alten Regeln der Parteipolitik hätte der Kandidat von SPD und Grünen niemals eine Chance gehabt, auch die Unterstützung durch die magersüchtige FDP wäre eher ein Grund für seine Ablehnung gewesen. Aber: Merkel nutzte die Chance, sich als die große Versöhnerin zu präsentieren. SPD und Grüne dürften enttäuscht sein. Jetzt fehlt ihnen schon wieder ein Thema.

Deutschland aber darf sich glücklich schätzen. Gauck ist ein Mann mit großen Überzeugungen, bürgerlichen Überzeugungen muss man sogar sagen. Freiheit ist für ihn “das Allerwichtigste” im Zusammenleben, schreibt er in seinem neuen Buch, das heute der Öffentlichkeit vorgestellt wird. Viele im Lande hätten dagegen eine geheime Verfassung im Kopf, deren erster Artikel laute: “Die Besitzstandwahrung ist unantastbar.”
Gauck widerspricht auch all jenen, die Toleranz als Gleichgültigkeit gegenüber den eigenen Werten missverstehen. Er schreibt: “Ich glaube nicht, wie es in einigen Teilen meiner neuen Berliner Heimat inzwischen üblich ist, dass derjenige, dem alles egal ist, den Preis für Toleranz verdient. Gleichgültigkeit ist vielmehr ein anderer Name für Verantwortungslosigkeit.”

Auch in die Kapitalismusdebatte mischt er sich mit wohltuendem Ton ein. Demokratie und Marktwirtschaft hätten Mängel, bedürften der Verbesserung: “Aber die Marktwirtschaft ist ein lernfähiges System, das Vorbildcharakter hat.” Es gebe, schreibt er der SPD und den Linken ins Stammbuch, keinen Grund, eine neue Variante von Antikapitalismus in die politische Debatte einzubringen.
An einer Stelle schreibt er: “Wir wissen, dass wir besonders dann glaubwürdig sind, wenn wir uns zu erkennen geben.” Gauck gibt sich zu erkennen. Er hat es in der DDR getan und tut es heute immer noch. Der Parteienstaat Bundesrepublik kann von ihm vieles erwarten – nur kein Duckmäusertum. Für ein paar Annehmlichkeiten – das ist in seinem Fall aktenkundig – ist dieser Joachim Gauck nicht zu haben. Ein von ihm geführtes Bundespräsidialamt ist weder das Vorzimmer der Kanzlerin, noch die Filiale eines Lobbyverbandes. Möge dieser unabhängige Mann nun ein großer Präsident werden. Das wünscht ihm und uns Ihr Gabor Steingart, Chefredakteur.

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