Eugen Pletsch | 11. Juli 2010

Bevor Sie mit dem Lesen beginnen, sollten Sie sich im Klaren sein: Hier ist der Beweis, dass seriöse Wissenschaftsmagazine wie “Paracelsus” durchaus Sinn für Humor haben. Und Eugen Pletsch hält sich streng an die Definition “Humor ist, wenn man über sich selbst lachen kann” - seine verhohnepippelnde Glosse mit durchaus wirklichem Hintergrund nimmt nicht nur das denglische Blablabla auf die Schippe, sondern auch Golfgespött mit deftigem Augenzwinkern. Egon Stengl, Herausgeber

Prolog: Karmische Zufälle brachten Golfautor Eugen Pletsch ins Team eines Magazins für Naturheilkunde, aber nicht, wie er hoffte, als Marketing-Spezialist, sondern als Hausfaktotum und Redaktionsgeisha. Von der Küche aus begleitet er die steile Karriere von Indigo-Azubi Anke, die mittlerweile Assistentin der Geschäftsleitung ist. Trotzdem sind beide gute Freunde.

Golfautor Eugen Pletsch las den golfspielenden Journalisten des Presse Golf Clubs beim 20. Jubiläum freund-schaftlich die Leviten. Foto: Josef Beck

Urplötzlich, beim Genuss einer Tasse Hochlandkaffee, der nach streng ökologischen Kriterien in den bolivianischen Anden angebaut wird, hatte unsere Redaktionsleiterin die Eingebung, einen eigenen Kongress zu veranstalten. „So international wie der auf Hawaii, von dem Anke berichtet hatte, aber irgendwie doch ganz anders“, warf sie ihre Vision in die schläfrige Morgenrunde, die plötzlich aufschreckte. Anke solle die Details ausarbeiten. Am wichtigsten wäre die Referentenfrage! „Keine weltfernen Worthülsen-Jongleure oder Selbstvermarkter der Erweckungsliga!“ „Und wer – grübel, grübel – könnte Schirmherr der Veranstaltung sein?“
„Idealerweise eine kompetente Persönlichkeit, erfolgreich und bekannt, aber bitte nicht durch Skandale“, erbat sich die Redaktionsleiterin. Anke seufzte, nahm einige Referentenvorschläge ihrer Kolleginnen auf und kam zu mir in die Küche. Sie knallte ihren Block auf den Tresen. „Immer ich!“, maulte sie. „Wenn unsere Redaktionsleitung mal eine eigene Idee hat, dann sollten wir sie dabei loyal unterstützen“, beschwichtigte ich Anke. „Wenn wir 1.000 Besucher anlocken wollen, dann muss das Konzept stimmen.“
„Body – Mind – Spirit und …?“ „Erfolg in der Praxis! Für Therapeuten heute lebenswichtig: Wie kann ich solvente Patienten erreichen?“ „Ich wette, du denkst an Golfer? Das darfst du dann selbst vorschlagen“, lächelte Anke. „Nicht alle Golfer sind solvent“, sagte ich und dachte dabei an mich. „Aber in der Tat haben Golfer viele lukrative Beschwerden, hauptsächlich zwischen den Ohren.“ Anke schaute mich an: „Hör mal, wir ziehen hier ein großes Spiritual- und Gesundheits-Dingens auf – und kein Golfturnier!“ „Der Golfsport koordiniert Körper, Seele und Geist auf einzigartige Weise. Hatte ich Dir erzählt, wie ich kürzlich …“, aber schon war Anke aus der Tür.

Bald stand das Konzept, nur die Schirmherren-Frage war noch offen. Um das zu klären hatten wir als spirituellen Ratgeber den berühmten bolivianischen Schamanen Zamiro Ayma eingeladen, der gerade in Deutschland weilte, um einige Panchakarma-Workshops zu geben. Auch als Referent war er erste Wahl, da wir, um den Freiheitskampf des bolivianischen Volkes zu unterstützen, einen Barfuss-Arzt präsentieren wollten, der von seiner Arbeit im Hochland berichten würde.
Zamiro Ayma war unüberhörbar auf dem Weg und er war keinesfalls barfuss. Ein lautes Klackern von Stahl auf Stein echote durch den Hausflur. „Er kommt“, flüsterten die Damen aufgeregt, fummelten noch mal an ihren Blusen und rannten in den Konferenzraum. Sie machen nur die Tür auf, bitten unseren Gast herein und weisen ihm den Weg!“
Unsere Redaktionsleiterin hatte eine Braue gehoben, ich kannte das Zeichen. Während ich Mate-Tee bereitete, nickte ich ihr aus der edaktionsküche zu. Sekunden später war das Klackern im Treppenhaus verstummt. Es klopfte. Ich öffnete die Tür. Ich mag kleine Leute. Man fühlt sich irgendwie größer, besonders, wenn man von seiner Vorgesetzten regelmäßig zusammengefaltet wird. Der kleine Indianer gefiel mir auf Anhieb. Mit dem weitläufigem Armschwung eines Andengeiers wies ich dem Indio im „Ritter Sport“-Format – breit wie hoch – die Richtung. Er lächelte mir zu und nickte. Unter seinem Hut schaute ein schwarzer Zopf hervor. Als Zeichen seiner Autorität trug er einen Huayruru, den roten Poncho, von dem schwarze Bänder hingen. Darauf waren Whipala, die sieben Farben des Regenbogens gestickt, die er als Priester seines Stammes trug. Um seinen Hals hing eine dicke Kette mit Türkisen und Bernsteinen, auch unter den Ärmeln schauten bunte Bänder hervor. Am markantesten waren jedoch seine Schuhe, schwarzweiße Budapester mit gelochten Rändern. Mit strammem Schritt watschelte er durch den Flur. Für einen Mann aus dem Hier und Jetzt-Business schien er mir ganz schön in Eile zu sein. Für das knirschende Geräusch auf unserer Auslegeware gab es nur eine Erklärung: unser Schamane hatte Stahlspikes an seinen Schuhen.

Großes Gezwitscher klang aus dem Konferenzraum, das sofort verstummte, als Zamiro die Tür öffnete. Mit glänzenden Augen und leuchtender Colgate-Aura strahlten ihn die Damen an. Verständlich, denn wie oft lässt sich ein echter Hochlandschamane in den Niederungen unseres Alltags blicken. Als ich den Mate-Tee in die Tassen goss, nickte mir die Chefin gnädig zu und ich verkrümelte mich in die hinteren Reihen. Zamiro Ayma begegnete den Damen sozusagen auf Augenhöhe, denn er stand vor dem Tisch, an dem sie saßen.

Herzlich begrüßte Frau Chefin unseren Gast in englischer Sprache,
worauf dieser sich ebenso herzlich auf Spanisch bedankte, vermuteten wir zumindest. Dann entstand eine kleine Verlegenheitspause. Zamiro schien das gewohnt zu sein. „Vamos“, begann er. „How is your congreso?“ „Very well“, sagte die Chefin, „nur die Frage des Schirmherren ist offen.“ „Schirmherren?”, wiederholte der Indianer langsam. „The Congress representante“. „Ah, patron! Gutt. How much can you pay?”, kicherte er. „We thought of a woman. Mata Giri. She is wonderful, charming, enlightet.“ „Mata Giri?“ Sein Blick verfinsterte sich. „We call her Mata Money. You could not afford her honorarium. Next idea.” “What about Mukta Brahma Anand? The great spiritual healer from India…“
„Mukta? Oh no, he is charlatan…!” Zamiro verzog das Gesicht. Unsere Redaktionsleiterin erbleichte. „Andere Vorschläge“, zischte sie in die Runde. „How about Long Dong Wan from Taiwan?”, warf Sabine in den Ring. “Oh, Pachama”, stöhnte Zamiro, “you don’t know where his name is from, do you?“ Er musterte unsere hübsche Sabine: “After Congress you’ll be pregnant with little Wan, be careful!” Er brach in ein dröhnendes Gelächter aus, das leider nicht ansteckend wirkte.
Peinlich pikiert starrten alle in ihre Mate-Tee-Schalen.
„Come on, vamos, I have a date, I will see new course. Let´s go on. Who will be patron?“ Es wurde noch einige Namen genannt. Zen-Meister, Heiler, bekannte Mediziner, aber Zamiro wurde immer ungehaltener. Dann platzte ihm der Kragen: „You people don’t know what you want. You wrote patron should be a spiritual personality, powerful, successful and no scandals. How about Banalanga?“

„Banalanga?”, wiederholte unsere Chefin. „Who is Banalanga?”
„Who?”, quiekte Zamiro, „you not know Banalanga? Most famous German? Gosh! Remember Masters …!” „Banalanga…”, rätselten die Damen, „great German…Master?” Mir schwante etwas. „Yes, very famous, strong mind, strong spirit, big money …!”
Zamiro schaut ungeduldig auf die Uhr. „Banalanga… come on … from which planet are you?“ Vorsichtig hob ich die Hand. Die Chefin blickte mich an, als hätte ich ihr gerade noch gefehlt, aber dann nickte sie.
„Vielleicht meint er Bernhard Langer?“ „Oh yes, what I said: Banalanga! You know him…?” “Well, I met him once or twice…” Auf indische Weise wackelte ich bescheiden mit dem Kopf, denn ich sah den Blick der Damen, der bedeutete: „Fang hier bloß nicht mit deinem bescheuerten Frischluft-Hobby an…!“
„You met Banalanga! So you are Golfer?” Zamiro wirkte elektrisiert. Ich nickte vorsichtig, aber als ich sah, dass sich der Blick der Chefin erhellte, fügte ich hinzu: „Langer would be great choice to become congress patron.” Yes, Langer best choice.“ Damit stand die Sache für ihn fest. Zamiro blickte noch mal auf seine Uhr: „I have Teetime now. In Bolivian Highlands hard to play Golf.” Er blickte mich an: „You wanna play?” „Teetime. Unser Gast möchte noch einen Tee”, wies mich die Chefin an. Zamiro hatte seinen Mate-Trunk bisher nicht angerührt. „Nein“, erwiderte ich, „er will seine „Teetime“, die Abschlagzeit auf einem Golfplatz, nicht verpassen. Deshalb wirkt er so eilig. Er fragt, ob ich mitkommen kann.“
„Si, eilig!“, bejahte Zamiro, „Golf is perfect practice for body, mind and spirit.” Die Chefin war aufgestanden und schaute verwirrt, aber sie schien zuzustimmen. In knirschenden Golfschuhen stiefelte Zamiro auf sie zu und umarmte sie. „Come on, Big Woman, have Bear Hug!” Mit seinen kräftigen Armen drückte er unsere Chefin an sich, wobei sich seine Nase in ihren Bauchnabel bohrte.
Sie entwand sich ihm und stotterte: „Thank you. What can we give you for your time and help?” Zamiro zögerte kurz, dann lächelte er und sagte: „Usted podría proporcionarme quizá tarjetas, en caso de que Rydercup debiera venir en 2018 en Alemania?“ Er winkte den verblüfften Damen zu und zog mich in den Flur. „Now I tell you, my friend, how I missed this short putt the other day…“, brabbelte er los und schon waren wir aus dem Haus.
Die Redaktionsrunde schwieg betreten. „Hat jemand verstanden, was er zum Schluss sagte?“, fragte die Chefin, nachdem sie sich gefasst hatte. “Er hätte gerne ein paar Karten, falls der Ryder Cup 2018 in Deutschland ausgetragen wird“, sagte Anke. „Karten für den Ryder Cup 2018?“, murmelte die Chefin und verließ kopfschüttelnd den Raum, worauf Anke, die fast erstickt wäre, endlich laut losprusten konnte.

Kommentar schreiben

Bitte erst »anmelden,dann geht auch das Kommentieren.