Matthias Huber | 20. Juni 2004

Ein Buch, in Leder gebunden, wird aufgeschlagen. Ein großformatiger Foliant, mit naiven Illustrationen geschmückt. Die Schrift mutet altmodisch an. Dazu die gutmütige Stimme eines Märchenerzählers, der die wohlbekannten Worte “Es war einmal…” spricht. Alles ist wie gewohnt.

Dann Blende auf den tapferen Ritter in schimmernder Rüstung. Der eilt auf seinem edlen Ross Rettung bringend der holden Prinzessin entgegen. Er springt aus dem Sattel, reißt sich den Helm vom Kopf, schüttelt in schwärmerischer Zeitlupe sein goldblondes Haupthaar und…
Nein, es ist nicht mehr die grobschlächtige Hand des Ogers (wie in “Shrek 1″), welche die Seiten dieses Buches als Toilettenpapier missbraucht. Der kitschige Prolog wird nicht auf diese Art ad absurdum geführt, sondern es ist vielmehr der eigene Kitsch, an dem er ersticken soll (und wird).

So darf auch die “gute Fee” der Geschichte die Erfüllung eines Wunsches - eine längst kommerzialisierte Aufgabe, selbstverständlich - in einer Gesangsnummer bewerben, umgeben von tanzenden und trällernden Möbelstücken. Der klare Bezug auf die entsprechende Szene aus Disneys “Die Schöne und das Biest” wird verstärkt durch die zur Ogerin verwandelten Fiona als Gesprächspartnerin: Wieder eine Schöne und ein Biest, andersrum allerdings - aber nur an der Oberfläche. Die “gute Fee” ist zum bloßen Titel, zur Institution verkommen, bezeichnet längst nicht mehr die überragende Charaktereigenschaft der inzwischen zur klaren Antagonistin gewandelten Person. Und doch, auch im finalen Kampf wird sie weiterhin mit diesem Titel bedacht.

Auch musikalisch - stets ein wichtiges Element im märchenhaften Trickfilm - scheint sich “Shrek 2″ ganz klar vom Genre emanzipieren zu wollen, sogar wesentlich subtiler als noch der Vorgänger, in dem es ja noch galt, die Disney’sche Angewohnheit zu schmalzigen Musical-Einlagen aufs Korn zu nehmen, indem man möglichst jeden Versuch einer Gesangseinlage katastrophal scheitern lässt um dann erst durch die finale Karaoke-Party mit diesem Vorsatz ironisch überspitzt zu brechen. Im Sequel dagegen rückt die Musik nicht selten durch Verwendung eines poppigen Vocal-Stückes in den Vordergrund: So wird das Filmzitate-Medley um Shreks und Fionas Flitterwochen vom “Accidentally In Love” der Counting Crows begleitet. Die gute Fee schlüpft mal in die Rolle einer anrüchigen Nachtclubsängerin mit einem Cover von “Holding Out For A Hero” - nachdem eine andere Coverversion des selben Songs zuvor bereits in völlig unterschiedlichem Kontext verwendet wurde. Und “Living La Vida Loca”, von Eddie Murphy und Antonio Banderas herrlich überdreht gesungen, fasst das Filmgeschehen zum Schluß noch einmal zusammen.

Erstarrung in Genre-Konventionen, das scheint “Shrek 2″ der Konkurrenz vorwerfen zu wollen, den Verzicht auf jegliches Überraschungsmoment innerhalb dieser viel zu fest gesteckten Grenzen. Eine Parodie also. Aber richtet sich eine Parodie nicht erfahrungsgemäß eher an eine kleinere Zielgruppe als die Vorlage, anstatt diese zu erweitern? Wenn aber konsequent jedes Prinzip des zugrunde liegenden (Sub-)Genres auf den Kopf gestellt wird, und ein Film in erster Linie dadurch seinen Reiz beziehen will, gehört er dann noch zu dieser Gattung?

“Shrek 2″ begeht diese Gratwanderung, ein Trickfilm für Kinder und gleichzeitig eine Parodie davon zu sein, noch sehr viel ausgefuchster als sein Vorgänger, der oft sehr viel platter vorging. Denn wenn plötzlich ein schaurig-schönes Stück von Nick Cave and the Bad Seeds ertönt, die in erster Linie durch morbide Balladen bekannt wurden, oder irgendwann sogar Captain Hook als Pianist mit Hakenhand in einer heruntergekommenen Kneipe mit der unverkennbaren Stimme von Tom Waits – mit dessen musikalischem Konzept das Kettenrauchertum fest verwachsen scheint - von einem “Little Drop of Poison” singt, dann ist klar: “Shrek 2″ ist dieser kleine Tropfen Gift, der sich manchmal im Kino-Popcorn und Popcorn-Kino verbirgt - und dort auch dringend nötig ist.

Shrek 2
(USA 2004)
Regie: Andrew Adamson, Kelly Asbary, Conrad Vernon
Mit den Original-Stimmen: Mike Myers, Cameron Diaz, Eddie Murphy, Antonio Banderas, Jennifer Saunders, John Cleese, Rupert Everett, u.v.m.
Deutsche Stimmen: Sascha Hehn, Esther Schweins, Benno Fürmann, u.v.m.

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