Matthias Huber | 3. April 2004

Ein Überfall auf einen kleinen Supermarkt - irgendwann in den Abendstunden, irgendwo in Amerika, so scheint es. Und, erwartungsgemäß, tauchen wenig später die Helden des Films auf, die die Verbrecher dingfest machen. Eine normale Superhelden-Story also, wie sie in letzter Zeit wieder in Mode ist.

Und doch, bereits die darauf folgende Credits-Sequenz - unterlegt mit eingängigem Jazz, wie auch im Rest des Films es immer wieder diese konzentrierten Eindrücke sind, welche mit entsprechender Musik unterlegt wurden - stellt das in Frage. Denn an Stelle der üblichen Comicverfilmungs-Bilder sind es Impressionen einer unbekannten (und gezeichneten) Metropole, in Schwarz-Weiß, den Großstadt-Klassikern verpflichtet, eine Spur Woody Allen, ein bißchen Spike Lee - Prototyp: New York. Urbane Mythen, vor dem Hintergrund einer Science Fiction-Geschichte, die teilweise bereits von der Gegenwart eingeholt wurde.

Es geht um eine terroristische Bedrohung, eine biologische Massenvernichtungswaffe vielleicht. Informationen werden eingeholt: Einer der Kopfgeldjäger macht sich auf zu einem arabischen Bazar (in dieser positiven Utopie einer Großstadt sind alle Kulturen vertreten), will dort einen Informanten treffen. Dieser, mit Turban und Sonnenbrille, ist hilfsbereit, er weiß um den größeren Zweck. Die Bedrohung stammt nicht von hier, viel zu friedlich sind die engen Gassen zwischen den Marktständen und Gebäuden im arabischen Stil.
Ein anderes Mitglied der Kopfgeldjägergruppe (die sich als “Cowboys” bezeichnen) befragt einen befreundeten Polizisten - im Autokino. Es läuft ein alter Western � ebenfalls gezeichnet, aber ganz plötzlich im Cinemascope-Format -, in mattem Schwarz-Weiß, eine verschmutzte Kinokopie. Immer der gleiche Konflikt, und das Kino als Ort seiner Bewältigung. Nur der Stern des Sheriffs blinkt im Sonnenlicht. Wir erfahren, ganz beiläufig, von einer Verschwörung, irgendein Pharmakonzern, der natürlich alles vertuschen will. Doch das sind nicht die Drahtzieher der Anschläge, bei denen so viele Menschen bereits starben. Ein einzelner Mann - ehemals Mitglied einer militärischen Spezialeinheit natürlich, und von seinen Auftraggebern, dem “establishment”, verraten - ist es, kein “Netzwerk des Terrors”, der seine persönliche Rache ausleben will. Bis er sich gar nicht mehr sicher ist, ob diese Rache die Richtigen treffen würde und - viel wichtiger - ob er davon noch irgendetwas hätte. Genugtuung gibt es nicht für ihn, selbst das erkennt er. Und dennoch gibt es keine Alternative.

Gleiches gilt für den Protagonisten, den “Cowboy”. Anfangs noch der unvorsichtige Draufgänger, so wird er doch zunehmend zum “Lone Star”, zum verbitterten Einzelkämpfer - ungeachtet aller Gruppenzugehörigkeit -, die Angelegenheit wird persönlich.

“Cowboy Bebop” erscheint in jeder Phase als ein aktueller Film, mit scheinbar offensichtlichen Bezügen auf den 11.9.2001 und der daraus resultierten weltpolitischen Situation. Und noch besser, er gibt bereits Ansätze zum Verständnis der Katastrophe, ruft auf zur Besonnenheit, zeigt die möglichen Konsequenzen, wenn man übereilt handelt. Eine ganz und gar differenzierte Sicht, die so vielen Genre-Kollegen aus Amerika nicht gegeben ist. Offensichtlich braucht es dafür einen Zeichentrickfilm. Einen Zeichentrick-Actionfilm, der bereits kurz vor den Anschlägen auf das World Trade Center entstanden ist. Hätte der Film anders ausgesehen, wenn er ein wenig später produziert worden wäre?

Cowboy Bebop - Der Film
Cowboy Bebop: Tengoku no tobira (Japan/USA, 2001)
Regie: Shinichirô Watanabe

Zur DVD: (erhältlich ab 6.4.2004)
Der Bildtransfer präsentiert sich mit satten Farbkontrasten (besonders deutlich in den Wechseln zu den Schwarz-Weiß-Szenen) und einem angenehm scharfen Bild.
Neben dem japanischen Originalton sind deutsche, englische und italienische Synchronisationen (jeweils in Dolby Digital 5.1) auf der DVD enthalten, wobei lediglich in der deutschen Fassung einige Stimmen leider etwas den Anschein erwecken, für eine jüngere Zielgruppe ausgewählt worden zu sein und somit den Film gelegentlich ein wenig seiner durchaus vorhandenen Ernsthaftigkeit berauben. Die Untertitel dagegen hinterlassen einen sehr soliden Eindruck.
Bonusmaterial: In einigen kleineren Dokumentationen und Interview-Reihen sprechen die Macher über ihre Inspirationen und Ideen. Schade nur, dass dabei nur ganz selten neutrale Informationen vermittelt werden, sondern man sich meistens auf bloße Lobeshymnen beschränkt. Dafür bieten die Storyboard-Vergleiche einen durchaus interessanten Einblick in die Produktion.
Außerdem erscheint eine “Limited Edition” mitsamt einem 195 Seiten starken Artbook, welches Original-Zeichnungen sowie eine Widmung des Regisseurs enthält.

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